[Gastartikel] „Held, sieh zu, wie du klar kommst.“ (Thomas Williams)

Eine Blogreihe zum Thema Kurzgeschichten darf nicht ohne den Horror-Kurzgeschichtenautor Thomas Williams stattfinden. Gefühlt überall dabei, veröffentlicht viel, wird von Herausgebern für Kurzgeschichten angefragt (die Königsklasse der Kurzgeschichtenautoren!)… wie kam es dazu? Wie plottet er? Hat er Tipps für angehende Kurzgeschichtenautoren?
Zum Glück hat er sofort positiv auf meine Anfrage geantwortet. Fremde Menschen ansprechen, und gerade wenn sie bekannt sind… das kann ich nicht gut.
Damit übergebe ich das Wort an Thomas Williams (Spoiler: er plottet nicht. Gar nicht! Wie schafft man dann soviel?!)

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Als Meara mich anschrieb, ob ich vielleicht etwas zu ihrem Kurzgeschichtenfestival beitragen möchte, ging mir das gleiche durch den Kopf, wie sonst auch, wenn jemand möchte, dass ich etwas für sie oder ihn schreibe: „Sicher, dass du den richtigen hast?“
Und jetzt sitze ich hier und versuche mich euch vorzustellen, damit ihr wisst, wer ich bin und warum ich euch etwas zu meiner Arbeit als Autor erzählen darf.
Gar nicht so einfach, denn nichts fällt mir schwerer, als über mich selber zu schreiben. Meine Kurzbiografien in Anthologien, sind nicht einfach nur kurz, sondern geradezu mikroskopisch klein. Oh, das ist eine tolle Überleitung.

Als Horrorautor bin ich nämlich in über 20 Anthologien veröffentlicht worden. Weitere stehen für 2019 bereits in den Startlöchern und auch für 2020 sind schon mehrere geplant. Man merkt, ich schreibe viel. Kurzgeschichten gehen mir leicht von der Hand. Wenn auch nicht immer. Aber dazu kommen wir gleich. Mein Name ist also Thomas Williams, ich bin Horrorautor, -fan und -nerd. Ich lebe praktisch in dieser Welt und so verrückt das auch klingen mag, ich fühle mich dort sauwohl.

 

Viele sagen, dass ihnen Kurzgeschichten nicht liegen. Dass sie sich nicht kurzfassen können. Und ja, Kurzgeschichten haben nicht den Platz eines Romans, in dem wir die Handlung und Charaktere langsam entwickeln. In kurzen Texten ist es wichtig, schnell auf den Punkt zu kommen. Charakterentwicklungen und –vorstellungen sind nur bedingt möglich, aber oftmals reichen ein paar Sätze und durch ihre Handlungen und Dialoge lernt der Leser die Figuren ohnehin schnell kennen. Wenn ich eine Geschichte beginne, weiß ich ungefähr, worum es gehen soll. Ich kenne die Figuren und in was sie verwickelt werden. Manchmal kenne ich auch das Ende der Handlung, aber es muss nicht zwangsläufig wie in meiner Vorstellung passieren. Viel spannender ist es, sich überraschen zu lassen. Ich plotte also nicht. Mir reichen ein paar Notizen und etwas Kopfkino, um anzufangen. Manchmal braucht es ein wenig, bis der Text gelingen will. Dann gibt es wieder solche, die ich innerhalb von zwei Tagen fertigstelle. Das hängt sicher alles damit zusammen, wie viel man gerade um die Ohren hat. Und interessanter Weise kann ich unter Zeitdruck besonders gut schreiben. Meine Brötchen verdiene ich nicht mit dem Schreiben, aber ich weiß, wie ich mir die Schreibarbeit trotz Job, Privatleben und so weiter einteilen kann.

Bei einer Kurzgeschichte haben wir nicht die Möglichkeit, alles lang vorzustellen. Deshalb ist es am besten, direkt in einer Szene einzusteigen. Das kann eine Verfolgungsjagd oder auch eine Unterhaltung sein. Wichtig ist es, dass die Handlung sofort ins Rollen kommt. Dabei lenke ich nichts und niemanden, sondern lehne mich innerlich zurück und beobachte. Die Figuren sollen ihre eigenen Entscheidungen treffen, reden, wie es eben ihre Art ist. Hier und da braucht es vielleicht mal einen Schubs in die richtige Richtung, aber das ist selten. Auch helfe ich ihnen nicht aus gefährlichen Situationen heraus. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und können den Werwolf, der sie verfolgt hat, nicht entkommen? Tja, sieh zu, wie du klarkommst.
Sie haben sich in Gegenwart ihrer Schwiegermutter blamiert, versuchen sich zu entschuldigen und machen alles nur noch schlimmer? Du bist tot, Alter.

Das macht es für mich als Autoren viel spannender, an der Geschichte zu schreiben. Ich will selber wissen, wie es weitergeht, wie die Geschichte endet, in wie vielen Einzelteilen der Prota am Ende im Raum verteilt liegt. Es hilft mir, mich jeden Tag wieder an das Manuskript zu setzen. Na ja, sagen wir fast jeden Tag, denn wie gesagt, lebe ich nicht vom Schreiben. Kurzgeschichten bringen so gut wie kein Geld und gerade mit Horror wirst du in Deutschland nicht reich. Warum ich trotzdem an dem Genre festhalte?

Gegenfrage: Warum spielen andere in einem kleinen Verein Fußball, obwohl sie niemals in der Nationalmannschaft sein werden?
Aus Leidenschaft zum Sport.
Und ich bleibe beim Horror, aus Leidenschaft zum Genre.

 

Wenn man viel schreibt, ist es wichtig darauf zu achten, sich nicht zu wiederholen. Klar kommen bestimmte Themen öfter vor, wenn man sich nur in einem Genre bewegt. Vampire, Zombies, Dämonen und so weiter, gab es bei mir schon zuhauf. Aber jedes Mal sage ich mir, dass die Kreaturen oder das drohende Unheil meiner Geschichte nur das Sahnehäubchen oben drauf sein sollen. Wichtiger sind die Handlung und ihre Charaktere. Ich möchte eine unterhaltsame Geschichte erzählen und diese lebt von ihren Figuren. Mir persönlich wäre es zu langweilig, ausschließlich über das Monster in meiner Geschichte zu schreiben, außer, es selber ist der Protagonist. Denn seien wir ehrlich: Zombies sind nicht mehr gruselig. Es gibt großartige Zombiefilme und allerlei Bücher, Videospiele und so weiter um Untote, mit viel Atmosphäre. Aber inzwischen sind sie Mainstream. Und dennoch lassen sich tolle Geschichten erzählen, in denen sie auftauchen. Nur ist eben die Handlung wichtiger, als die Angriffe der Zombies selber. Meistens ist die Idee für das Übernatürliche zuerst da. Die Figuren kommen später. Sie und ihre Geschichte sind deswegen wichtiger, weil der Leser jemanden braucht, mit dem er mitfiebern oder mitleiden kann.

 

Viele Anthologien, in denen ich dabei bin, entstanden durch öffentliche Ausschreibungen. Andere dadurch, dass die Herausgeber selber auf Autoren zugegangen sind und gefragt haben, ob sie vielleicht etwas dafür schreiben wollen. In beiden Fällen ist es mir persönlich wichtig, mich nicht verbiegen zu müssen. Schreiben tue ich seit meiner Kindheit. Mein Stil hat sich dabei mehrfach verändert und inzwischen gefestigt. Meine Geschichten sind düster, blutig, aber nicht vollkommen humorfrei, denn ich habe Spaß mit dem Genre und zeige das auch. Dabei nehme ich es gleichzeitig ernst, um nicht ins Alberne abzurutschen. Natürlich gibt es bei Anthologien immer bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Aber meistens nur, damit die Geschichten auch zusammenpassen. Mal ist Extremhorror ausdrücklich erwünscht, in anderen Fällen wieder nicht. Ich mag blutigen, aber auch unblutigen Horror sehr gerne. Schreiben tue ich also für beide Arten von Anthologien. Viele solcher Sammlungen haben ein bestimmtes Thema und als langjähriger Fan des Genres, kenne ich mich dort recht gut aus. Werden also Geschichten zu Spukhäusern oder Kannibalen gesucht, versuche ich mich an alles zu erinnern, was ich zu diesem Thema kenne. Egal, ob es ein Film, Buch, Comic oder Videospiel war. Und dann werfe ich alles über Bord, um zu sehen, wo man neu ansetzen kann. Du kannst das Rad nicht neu erfinden, aber es muss sich auch nicht immer die gleiche Richtung drehen. Gerne vermenge ich bekannte Themen miteinander. Am besten so, wie man sie hoffentlich weder kennt, noch erwartet. Hin und wieder verwende ich auch klitzekleine oder recht offensichtliche Easter Eggs, die Horrorfans vielleicht entdecken.

 

Was macht eine gute Ausschreibung aus?
Natürlich kann ich nur meine persönliche Ansicht dazu wiedergeben, aber wichtig ist es, dass den Autoren genug Freiheit gelassen wird. Zum einen, weil ich es als Autor freie Hand haben möchte und natürlich, weil eine Anthologie von Abwechslung lebt. Es kann vorkommen, dass mehrere Autoren die gleiche Idee haben. Den besten Beitrag davon herauszupicken liegt beim Verlag. Dieser stellt, wie schon erwähnt, gewisse Anforderungen und bei diesen lässt sich bereits erkennen, ob das fertige Werk unterschiedliche Beiträge zulässt, oder ob wir am Ende zwölfmal die gleiche Geschichte zu lesen bekommen. Ein festgelegtes Thema, Zeitalter oder ein Ort, sind nicht weiter schlimm, soll jedoch jede Geschichte ein und denselben Gegenstand behandeln, eine bestimmte, reale Figur oder ein historisches Ereignis, wäre mir zu wenig Abwechslung im Spiel. Ich würde mich eingezwängt fühlen und die Ausschreibung links liegen lassen. Besser gefallen mir solche, in denen es zum Beispiel heißt: „Wir suchen Geschichten zu Jahrmärkten. Welche Geheimnisse verbergen die harmlos wirkenden Buden und ihre Besitzer? Was für Schicksale spielen sich innerhalb oder in der Nähe des Markts statt?“
Wir haben ein bestimmtes Setting, aber eines, in dem wir uns frei bewegen können und wissen, dass es dort lauter, unterschiedliche Menschen gibt. Das lässt viel Raum für Phantasie zu.
Tatsächlich mag ich Ausschreibungen, mit wenig Anforderungen. So, als würden Herausgeber oder Verleger sagen: „Schreib doch mal was zum Thema XY.“

 

Mehr wird nicht verlangt. Das mag einerseits zu Unsicherheit führen, weil man dann ja nicht weiß, was gesucht wird, aber hier mal ein Tipp von mir: Probiert es einfach aus. Mal als ablehnen können die anderen nicht. Selbst mit genaueren Forderungen, wisst ihr oftmals nicht, wer der Mensch ist, bei den die Geschichte landet. Ihr könnt nicht wissen, was ihm gefällt und was er sofort ablehnt. Da wartet eine fremde Person darauf, von euch überrascht zu werden. Ob es euch gelingt, wisst ihr nur, wenn ihr es versucht habt. Und wenn ihr eine Absage erhaltet, habt ihr dennoch etwas geschrieben, dass ihr woanders einreichen könnt.


Wenn ihr euch jetzt fragt, wie ich es geschafft habe, zu Anthologien angefragt zu werden, muss ich ehrlich antworten: Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. „Ohne Fleiß kein Preis“, könnte ich wohl sagen, aber das klingt eingebildet, oder? Ich selber sage mir, dass ich einfach Glück hatte und bei den meisten Ausschreibungen veröffentlicht werde. Hinzu kommt, dass ich dank kleiner und großer Messen sehr viele Autorinnen und Autoren inzwischen persönlich kenne. Auch Verlegerinnen und Verleger, Covergestalter, etc. So ergeben sich manchmal Kontakte und Möglichkeiten. Wie schon gesagt, das Horrorgenre ist zugleich mein Zuhause. Vielleicht werde ich deswegen oftmals angesprochen, weil die Herausgeber sich darauf verlassen können, dass ich trotz aller vergangenen Veröffentlichungen wieder mit Feuereifer dabei bin und versuche, die mir bestmögliche Geschichte zu liefern. Verdammt, das klingt auch eingebildet, oder? Bleiben wir dabei, dass ich es nicht weiß.

 

Müsste ich erzählen, was eine gute Kurzgeschichte ausmacht, wäre ich auch damit überfragt, denn letztlich urteilt der Leser, ob es gefällt, oder nicht. Deshalb möchte ich zum Schluss gerne Joe R. Lansdale zitieren. Ein Autor, den ich sehr gerne lese und an dessen Worte ich beim Schreiben immer wieder denke: „Schreib zuerst für dich. Und versuch dann dein Publikum zu finden.“

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