LBM 2019 – a.k.a. Wer interessiert sich schon für Frauen in der SciFi

… oder: sollte ich diese Rolle überhaupt mit einer Frau besetzen? Große Verwirrungen nach dem SF-Eklat mit der Wikipedia.
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Die Leipziger Buchmesse 2019 war für mich ein kurzes Erlebnis, da ich nur Donnerstag & Freitag vor Ort sein konnte. Das ging ganz gut auf, mein kleines Programm sah nur Besuche bei der Märchenspinnerei und dem Verlag Torsten Low vor. Dort haben wir den Geburtstag der Anthologie „Phantastische Sportler“ gefeiert und den Goldenen Turnbeutel an Verlagschef Torsten Low übergeben.

Auf dem Foto: Markus Heitkamp und Nele Sickel
Foto von Hanna Nolden

Außerdem habe ich bei der Edition Wannenbuch vorbei geschaut (nächstes Mal muss ich eine Liste mitnehmen, welche Exemplare ich bereits gekauft habe, sonst frage ich wieder herum, wer meine Doppelkäufe geschenkt bekommen möchte).
Mir fällt es ohnehin schwer, offline mit fremden Menschen zu reden – selbst wenn ich sie online bereits kenne. (Ich tauche eher beim Umzug oder einer Renovierung auf, als dass auf einer Messe auf jemanden zugehe und sage ‚Hallo, wir kennen uns von x“. )
Eine Ausnahme habe ich auf der letzten Leipziger Messe dann doch gemacht. Mir erschien es eine gute Idee, alle Bücher von SciFi-Autorinnen auf der Messe zu suchen und unter Hashtag zu posten. Judith Vogt hat auch begeistert mitgemacht.

Fotos von Judith C. Vogt

Das geschah auch nicht ganz ohne Grund: Theresa Hannig hat in der Wikipedia eine Liste deutscher SF-Autorinnen angelegt. Diese erntete prompt einen Löschantrag. Es begann ein zäher Kleinkrieg mit einigen misogynen Männern, die diese Bezeichnung gar nicht mögen. Viele haben sich auch hinter formalen Argumenten versteckt und ich ärgere mich immer noch, dass ich bis zum Schluß auf Twitter versucht habe, einen Mittelweg zu finden. Ich war lange bei der Wikipedia in verschiedenen Bereichen, aber so eine Frauenfeindlichkeit ist mir niemals begegnet. Deswegen habe ich es auch nicht immer erkannt, wenn die Leute nicht offen dazu standen und sich hinter formalen Dingen versteckt haben. Unflexibel und fast schon bürokratisch im negativsten Sinne dieses Wortes habe ich die Nutzer der Plattform auch in vollkommen anderen Belangen (und wenn es um Männer ging) kennen gelernt.


Die Löschanträge usw kamen in der Regel von anonymen IPs – sehr glaubhaft.
Falls jemand von euch noch nie bei der Wikipedia einen Artikel bearbeitet hat: es ist ein html-Text, man muss bestimmte Formatierungen einhalten. Auch die verschiedenen Informationen für den Löschantrag zu finden (was sind die Kriterien, was zählt als Redundanz usw) ist nicht gerade einfach für einen Neuling. Wer auch immer da anonyme Anträge stellt, muss die Wikipedia kennen. Warum kann man nicht einfach mit seinem Benutzernamen zu seiner Meinung stehen? Auf die Anonymität der Leute wurde auch in mehrfachen Beiträgen hingewiesen. Kurioserweise wurden weitere Listen von einer anonymen IP erstellt, dann jedoch von einem Benutzer als Argument benutzt. Natürlich glaubt niemand von uns, dass diese beiden identisch sein könnten… die ganze Story mit Updates könnt ihr auf Theresas Blog nachlesen. Am 28.03.19 wurde ein weiterer Löschantrag gestellt, der inzwischen dritte oder vierte? Man verliert so schnell den Überblick.

Natürlich wieder anonym.

Bunte Cover kann die SciFi auch.

Ich habe mich auf der Leipziger Buchmesse bei der Jagd nach Fotos eher in der Kleinverlagsecke herum getrieben. Meine Fragen „Habt ihr SciFi von Frauen?“ und „Darf ich das Buch fotografieren und twittern?“ wirkten etwas ungewöhnlich (spätestens die zweite). Daher habe ich allen Kleinverlegern ungefragt die Story mit der Wikipedia und der Liste der SF-Autorinnen erzählt. Die meisten hatten davon noch nichts mitbekommen. Etwas problematisch, wenn eine Online-Enzyklopädie mit Anspruch auf umfassende Wissensvermittlung und die literarischen Subgenres, über die sich eine geringe Anzahl überwiegend männlicher Wikipedianer auslässt, so gar keine Überschneidungspunkte haben.
Doch es ist nicht einfach, neue Leute zur Mitarbeit zu gewinnen (oder gar Frauen), wenn sie um jeden Edit kämpfen müssen. Da fragt man sich: was ist schon die Wikipedia? Macht euren Scheiß doch alleine.
Der Redakteur von PhantaNews hatte Probleme, gedruckte Bücher als Belege durchzusetzen – immerhin ist das nicht bei Google auffindbar. Dann existiert es für viele Wikipedianer auch nicht.

Fotos von Judith C. Vogt

Ich selbst habe mich mehrfach an dem Unverständnis zu Quellenkritik / Autoritätenhörigkeit abgearbeitet und schließlich auch mein Engagement im (zuletzt) Bereich Literatur eingestellt. Kommentarloses Zurücksetzen oder gar Löschen von Artikeln (ohne Löschdiskussion, wohlgemerkt) wegen angeblicher Mängel war mir dann auf Dauer zu doof. Wer wird schon die Wikipedia als umfassende und glaubwürdige Quelle heran ziehen, wenn es um Phantastikliteratur geht?
Solche unhöflichen bis regelwidrigen Aktionen sind kein Einzelfall, und bei als weiblich identifizierbaren Benutzernamen sogar noch viel extremer.
Aber wenn alle ehrlich interessierten und vernünftigen Menschen abwandern oder gar nicht erst bei einem solchen Projekt bleiben, ist das auch nicht so gut, wie der jüngste Eklat zeigt.

Oben links: Meara Finnegan, restliche Fotos: Judith C. Vogt

Umso unverständlicher, da Frauen in der SciFi schon längst angekommen sind, für Preise nominiert wurden, Preise gewonnen haben und das Genre gehörig mit neuen Ideen aufmischen.

Wer würde schon Inkas in den Weltraum schicken?

Einige Frauen schreiben aufgrund dieser Vorurteile und Benachteiligungen nur unter männlichem Pseudonym, um unabhängig von ihrem Geschlcht beurteilt zu werden. Bei 3 Fotos hatte ich mich extra erkundigt, ob ich sie posten darf. Aber es sind offene Pseudonyme.

Foto oben links: Valarauco, Foto unten rechts: Meara Finnegan, übrige Fotos: Judith C. Vogt

Science Fiction schreibe ich selbst lediglich in Kurzgeschichten (außer, man zählt Steampunk dazu), dafür habe ich meine erste große Liebe ebenfalls in einem männlich dominierten Genre gefunden: Sword and Sorcery, oder manchmal würde ich meine Plots auch als Military Fantasy einordnen.
Auch ziemlich von Männern dominiert, und daher merke ich, wie sehr mich dieser Kleinkrieg trifft, obwohl ich keine längeren Science Fiction Werke schreibe. Vorgestern sprang mich eine Idee im Bereich Military Fantasy an, die sich super für den NaNo eignen würde. Wie immer bei meinen Projekten geht es um politische Konflikte und moralische Fragestellungen. In diesem Fall spielt auch das Kriegstrauma des Protagonisten eine entscheidende Rolle.
Oder der ProtagonistIN.
Bei meinen wichtigsten Charaktere ist es in der Regel nicht relevant, welches Geschlecht sie haben. Ich mag keine „Du bist eine Frau und darfst das nicht“-Konflikte. Wenn Frauen in meinen Geschichten mangelnde Eignung für eine Aufgabe vorgeworfen wird, liegt das nicht am Geschlecht.
Unter dem Eindruck dieser kürzlichen zermürbenden Debatten Angriffe gegen meine Kolleginnen aus der SciFi habe ich jedoch instinktiv einen Mann als Besetzung für den zerbrochenen Kriegsheimkehrer gewählt. (Spoiler: Eigentlich ist der Perspekivträger zugleich der Antagonist, das Ganze als Riddle erzählt. Möchte ich eine Frau in Negativrepräsentation darstellen, wenn diese antagonistische Haltung nicht auf einer starken Motivation, sondern Krankheit und Schwäche basiert?)
Nachdem ich in den letzten zwei Wochen beobachten konnte, wie falsch Sachen gelesen werden können, wenn man verbohrt ist, sich nur richtig Mühe gibt und schreibende Frauen in dem Genre als Affront auffasst – bin ich fast zur Überzeugung gekommen, dass es mir gar nicht möglich ist, das Ganze so differenziert darzustellen, dass man nichts Falsches hinein lesen kann. (Sowas wie „Es passiert, weil sie eine Frau ist, mit einem Mann wäre das nicht passiert.“) Außer man besetzt diese Rolle mit einem Mann… Oder doch nicht, denn wenn man will, kann man alles falsch reinlesen. Ich bin da noch ziemlich unentschlossen. Vielleicht helfen mir die virtuellen und realen Treffen mit anderen Autorenkolleginnen, um da vor Oktober zu einer Entscheidung zu kommen.

Ein bisschen ärgert es mich, dass ich nicht früher auf die Idee gekommen bin, die Autorinnen zu fotografieren und ihnen ein Gesicht zu geben.
(Andererseits hätte sich das für mich als etwas schwierig gestaltet, dann muss ich ja mit fremden Menschen reden.)
Es sind dennoch per Zufall einige zusammen gekommen.

Wir sind viele, und wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen!

Foto von Elenor Avelle
Foto von Josephine Awgustow
Foto von Judith C. Vogt
Foto von Judith C. Vogt

Nachtrag 28.03.19 / 22.50 Uhr:
Es gibt oft auch Verlage, die SF-Kurzgeschichten suchen. Vergleicht unbedingt den Ausschreibungstext auf die Vorgaben inkl. Format und Zeichenbegrenzung.
Ich habe gefunden (keine persönlichen Erfahrungen, aber empfehlenswerte Verlage laut meinet Autorenblase):
bis 30.04.19, „Das Alien tanzt Walzer“, humorvolle SciFi für p.machinery Verlag
bis 15.08.19 „Fast menschlich“, Kurzgeschichten für Eridanus-Verlag
bis 30.11.19 „F-Diagnosen“, Kurzgeschichten über psych. Erkrankungen in der Zukunft für p.machinery Verlag
bis 31.12.19 „Waypoint Fiftynine – Die schrägste Kneipe der Galaxis“, sehr spezielle Anforderungen aber auch noch viel Zeit, für den Leseratten-Verlag


Nachtrag 19.04.19 / 01.05 Uhr:

Theresa Hannig hat inzwischen eine Petition gestartet, um auf die Mißstände in der Wikipedia aufmerksam zu machen, und durch eine hoffentlich große Beteiligung etwas bewirken zu können. Durch die innere Struktur (z.B. Administratorenrechte bzw. wie sie ausgeübt werden können) hat die Wikipedia sich von dem Grundsatz, dass jedermann sich einbringen kann, ziemlich entfernt.
Zur Petition geht es hier.

9 Gedanken zu „LBM 2019 – a.k.a. Wer interessiert sich schon für Frauen in der SciFi

  1. Ich danke dir für deinen Beitrag! Heute Mittag bin ich über Tor-online schon darauf aufmerksam geworden und einfach schockiert! Hallo? Leben wir im Mittelalter oder was soll dieser Mist? Ich verstehe es mit nichtem.. in der Tat lese ich lieber v in Frauen, da diese nicht meist so verbohrt auf Politik und Technik pochen oder aber es meist „angenehmer“ darstellen können. Dies geht mir aber auch in der Fantasy so. Da bin ich vor einer Weile auf das Nornennetzwerk gestoßen und schockiert, dass das notwendig ist. Denn schaue ich ihn mein Regal.. nun: da lebe ich in einer netten Blase in der es fast nur Frauen gibt 😉 Teils Zufall, teils aber aus genanntem Grund Absicht.

    Nunja.. Ich hoffe in jedem Fall, dass viele darauf aufmerksam werden und sich vielleicht doch was tut..

    • Danke für Deinen Kommentar 🙂
      Mich hat es auch nachhaltig schockiert. Ich hinterfrage gerade bei Military Fantasy jetzt doppelt, welches Geschlecht ich bestimmten Personen gebe, die negativ dargestellt werden oder als schwach gelesen werden können.
      Das ärgert mich, aber ich bekomme es auch nicht aus dem Kopf…

      Im Moment gibt es eine SciFi-Ausschreibungen für Kurzgeschichten, die habe ich unter dem Artikel mal ergänzt.

  2. Pingback: Nornengestöber – #wikifueralle und die Liste deutschprachiger Science-Fiction-Autorinnen auf Wikipedia – Nornennetz

  3. Pingback: Artikel über #wikifueralle - TAUSEND MEDIEN

  4. Pingback: Fremde Funken 03/2019 | Gedankenfunken

  5. Hallo Meara,
    Das ist ja echt eine traurige Geschichte! :/ Finde es gut, dass du einen Blogartikel darüber geschrieben hast, weil ich das noch gar nicht mitbekommen habe. Insgesamt klingt es echt nach einem unglaublich kindischen Verhalten mit fragwürdigem Hintergrund, was dieser Mann an den Tag gelegt hat. Gut, dass er sich am Ende nicht durchsetzen konnte.
    LG, Tami/Nebula

    • Erschreckend fand ich auch diese weitreichenden Befugnisse, die einige Administratoren da haben. Das kann so eine einseitige Interessengemeinschaft dann noch entgegen den Grundsätzen der Plattform bestätigen. Theresa Hannig hat dazu eine Petition gestartet, um über die Masse an virtuellen Unterschriften aufmerksam zu machen, dass diese Strukturen nicht ganz sinnvoll und entgegen dem eigentlichen Ziel der Wikipedia stehen.

      https://www.change.org/p/wikipedia-autor-innen-wikifueralle

      Leider zieht sich so ein einseitiges Verhalten stark durch die Wikipedia. Der Artikel über Dr. Katie Bouman (die mit dem Bild des Schwarzen Lochs) wurde prompt für einen Löschantrag vorgeschlagen – weil es ja nichts Besonderes wäre, wenn man als Erstes etwas sieht. Und sie einfach nur ihr hübsches junges Gesicht in die Kamera halten müsste, weil es so medienwirksam ist. Dass es ein Team gewesen wäre und man mal reflektierter nachschauen müsste, bevor man für alles und jeden einen Wiki-Eintrag anlegt.

      Dass Dr. Katie Bouman den entscheidenden Algorhithmus entwickelt hat, ohne den das ganze Team kein Projekt hätte durchführen können, hat Herr Quellenkritik nicht weiter interessiert…

      • Oh wow, ich wusste gar nicht, dass es so schlimm ist. Aber ich finde diese Befugnisse auch undurchsichtig. Hab gleich mal die Petition unterschrieben. 🙂
        Also das mit Dr. Katie Bouman finde ich auch absolut ungerechtfertigt. Nahezu jede wissenschaftliche Entdeckung wurde von einem Team organisiert und in der Astronomie geht es gerade darum als Erster etwas zu sehen, haha. Diese Begründung ist echt lächerlich und der Kommentar über das Gesicht absolut unangebracht.
        Ich finde es sehr bedenklich, dass die Website, die von fast allen Menschen mittlerweile als Standard-Nachschlagwerk angesehen wird, derartigen internen Regulierungen unterliegt und damit die zur Verfügung stehenden Informationen nach Belieben gefiltert werden können.
        LG, Tami/Nebula

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